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Geht ein Systemrelevanter zum anderen Systemrelevanten…

Seit Beginn der Corona-Krise taucht im politischen wie gesellschschaftlichen Diskurs ständig der Begriff „Systemrelevant“ auf. Systemrelevant- an sich ein schöner Begriff. Für mich schon jetzt der Kandidat für das Wort des Jahres. Und gleichzeitig das Unwort. Im Folgenden möchte ich erklären, warum das so ist.

Mit dem Begriff der „Systemrelevanz“ erkennen wir an, dass ein Einzelner oder seine Berufsgruppe für unsere Gesellschaft einen besonders hohen, gleichsam die Gesellschaft tragenden und erhaltenden Stellenwert hat im Gegensatz zu anderen, die diesen hohen Stellenwert eben nicht. Schon in dieser kurzen Definition sehen wir eine gesellschaftliche Spaltung: Wir haben auf der einen Seite die Relevanten, auf der anderen Seite die Irrelevanten.

Doch wer ist überhaupt systemrelevant? Während der Begriff sich zunächst allein auf den pflegerischen und medizinischen Bereich sowie Polizei und Feuerwehr beschränkte, wurde schnell Empörung laut: Die Kassierer und Verkäufer in unseren Geschäften, die uns täglich mit Nahrungsmitteln und Waren versorgen, wären doch auch unentbehrlich. Oder die Jungs und Mädels von der Stadtreinigung, die dafür sorgen, dass unsere Straßen sauber und unsere täglich produzierten Abfälle zumindest aus unserem Blickfeld verschwinden- der Export von Müll in die Dritte Welt ist ein anderes Problem, das an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden soll. Neu erweitert wurde der Kreis der Systemrelevanten jetzt u.a. mit den Berufsgruppen der Anwälte und Notare, die dem geltenden Recht zur Durchsetzung verhelfen, den Hausmeistern und Gebäudereinigern.

40000 Erntehelfern wurden für April und Mai 2020 die Einreise nach Deutschland ermöglicht. Per Flugzeug, natürlich, weil das In der aktuellen Situation, Stichwort Pandemie, einfach sicherer ist. Wir benötigen diese zusätzlichen Helfer, aufgrund der gegenwärtig geschlossenen Grenzen, bei der Ernte des Deutschen Spargels und der Deutschen Erdbeeren, also zur Gewährleistung der Versorgung der Gesellschaft mit Nahrungsmitteln. Ist aber eine solche Tätigkeit, wenn sie benötigt wird, nicht wichtig? Relevant? Systemrelevant?

Der Friseursalon um die Ecke hat seit Beginn des Lockdowns vor vier Wochen geschlossen. Meine vollen Haare werden immer länger, gleichzeitig wird der Frühling immer wärmer. Viele Leute auf den Straßen tragen mittlerweile Corona-Frisuren. Wie gern ginge ich jetzt zum Friseur? Wie wichtig ist mir ein gepflegter Look? Wie wichtig ist er uns als Gesellschaft? Relevant? Systemrelevant?

Der Bäcker, der mir nachts am Ofen mein Brot backt? Der Metzger, der mir meine Bratwurst herstellt? Der Mechaniker, der mein Auto oder mein Fahrrad repariert? Der Koch und die Küchenhilfen in unserer Kantine? Die gesamte Nahrungsmittel produzierende oder verarbeitende Industrie? Kann ich mich wirklich autark selbstversorgen? Habe ich, nach 37,5 Stunden Schichtarbeit dafür noch die Kraft oder die Zeit?

Die Erzieher und Lehrkräfte, die neben der Vermittlung von Wissen und Bildung (Systemrelevant!) vor allem den schon nach vier Wochen durchs Home-Schooling gestressten Eltern in normalen Zeiten einen Teil der Erziehung abnehmen und den Nachwuchs beschäftigen?

Wir können diese Gedankenkette endlos fortspinnen. Ich denke, die Aussage ist klar: Nicht einzelne Berufsgruppen sind systemrelevant, sondern unsere gesamte auf Arbeitsteilung fußende Gesellschaft ist aufeinander angewiesen und unterstützt einander. Die Arbeitsteilung selbst ist es, die systemrelevant ist.

Wäre es daher nicht angemessen, wenn wir als Gesellschaft daraus die Konsequenzen zögen? Wenn wir erkennen würden, das an gerechter Bezahlung, Stichwort Wohlstand für alle, in der Jugend ebenso wenig ein Weg vorbeiführt wie an der Versorgung all jener im Alter, die die Generationen vor uns, systemrelevant, unterstützt haben, sprich eine ausreichende Rente und damit Perspektive jenseits der Tafeln der großen Städte und dem Sammeln von Flaschen- und Dosenpfand? Wäre es nicht Zeit für ein Grundeinkommen?

12 Kommentare zu „Geht ein Systemrelevanter zum anderen Systemrelevanten…

  1. Mein Kronprinz und seine Kollegen, die mit ungebrochener Tapferkeit für ununterbrochenen Nachschub an Waren aller Art sorgen (nämlich am Steuer ihrer 40-Tonner) sind eine sogar von den Medien komplett vernachlässigte Gruppe von Systemrelevanten😊Aber ihre gewerkschaftliche Vertretung ist hierzulande ein Trauerspiel.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, auch unseren Brummi-Fahrern müssen wir dankbar sein- wir alle sind systemrelevant- nur wenn wir alle an einem Strang ziehen, läuft unser Land und unser Leben wird möglich. Liebe Grüße an den Kronprinzen. Bleibt gesund und munter!

      Gefällt 1 Person

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