Barrieren der Bildung

Trotz Unabhängigkeit der kognitiven Kompetenzen oder Lesekompetenzen der Schüler ist die Wahrscheinlichkeit für ein 15-jähriges Akademikerkind dreimal so hoch auf das Gymnasium zu gehen wie das Kind eines Facharbeiters [1]. Ein wesentlicher Einflussfaktor ist das Elternhaus [2].

Das Elternhaus prägt durch das Erziehungsverhalten die Interessen und werte, die Persönlichkeit und die Fähigkeiten der Kinder. Das Vorbild der Eltern, die materiellen Ressourcen, sowie die sozialen Kontakte und Informationen, über die sie verfügen, vergrößern oder minimieren die Chancen des Kindes erfolgreich die Schule erfolgreich zu durchlaufen und damit den Start in den Beruf [3]. Es wirkt selbst noch bei Studenten, sodass Arbeiterkinder prozentual öfter die Universität abbrechen [4]. Die Abbruchrate bei Arbeiterkindern liegt bei 30% bei Kindern aus einem Akademikerhaushalt nur 15%. Und selbst der Übergang von Bachelor zum abgeschlossenen Master ist für Kinder ohne Akademikerhintergrund mit 56% geringer als für Kinder aus Akademikerfamilien, welche 72% den Master erreichen. Von der Einschulung bis zum Doktorgrad summiert sich dann der Einfluss, dass Kinder aus Akademikerfamilien 10x so oft einen Doktortitel erlangen, wie Kinder, wo die Eltern nicht studiert haben [5].

Es wurden Zusammenhänge gefunden zwischen dem Erziehungsstil des Vaters und seiner Berufstätigkeit. Väter, deren Arbeit ein hohes Maß an Eigenständigkeit erfordert, fördern die Selbstständigkeit ihrer Kinder. Väter, welche nur wenig Freiheiten in ihrem Beruf haben, fordern von ihren Kindern eher Disziplin und Gehorsam [6].

Insgesamt ist der Beruf der Eltern ein Indikator für die sozioökonomische Stellung der Familie und kennzeichnet ihre verfügbaren finanziellen Mittel, ihrer sozialen Macht und ihres gesellschaftlichen Prestiges [7]. Neben dem sozioökonomischen Status der Familie besitzt ebenfalls das kulturelle Kapital eine wesentliche Rolle für den Schulerfolg. Dazu gehören beispielsweise das Ausmaß des Lesens und der Diskussionen der Eltern über hochwertige Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Ebenfalls zum kulturellen Kapital gehört die Sprache. Weicht die in der Familie gesprochene Sprache von der Verkehrssprache ab, wird die Chance auf Bildungserfolg reduziert. Ebenfalls entscheidend für das Erfolgreiche Durchlaufen des Bildungsprozesses ist das soziale Kapital. Dazu gehören die Netzwerke, über welche eine Familie verfügt. Netzwerke verschaffen Informationen, ermöglichen Zusammenarbeit und sanktionieren Normverletzungen [8]. Zudem stärken Enge Beziehungen zu den Eltern das Selbstvertrauen der Kinder und begünstigen eine intrinsische Arbeitsmotivation [6].

Besonders kritisch zu sehen ist die frühe Selektion und die Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulzweige. In den Pisa-Studien werden die Kompetenzen 15-jähriger Schüler ausgewertet. Darin konnte festgestellt werden, dass das dreigliedrige Schulsystem die Kompetenzen der Schüler noch weiter vergrößert. So lagen Realschüler etwa zwei Jahre in ihrer Entwicklung hinter denen von Gymnasiasten. Hauptschüler liegen etwa noch einmal fast zwei Jahre hinter der Entwicklung von Realschülern [1]. Bei gleichen Fähigkeiten nach der Grundschule, verdummen die Schüler auf den unteren Schulen. Das ist besonders kritisch zu betrachten, da durch den Besuch der falschen Schüler für die Schüler es immer schwerer wird wieder aufzusteigen. Das bedeutet das trotz gleicher Leistungsbereitschaft und gleicher Fähigkeiten die Chancen auf dem weiteren Arbeitsmarkt reduziert werden [7]. Das dreigliedrige Schulsystem hat das große Problem, dass es eher nach unten durchlässig ist und besonders Kinder aus der Unterschicht eine Menge Barrieren in der Bildung überwinden müssen, sodass der Status der Eltern unabhängig von der tatsächlichen Intelligenz vererbt wird. Offen bleibt die Frage: Wie könnten wir unser Bildungssystem gestalten diese Barrieren abzubauen?

Weitere Informationen

[1] https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-322-83412-6_10

[2] https://uberlaufer.wordpress.com/2020/04/03/corona-und-die-ungerechtigkeit-der-hausaufgaben/

[3] https://www.wiley.com/en-us/Career+Choice+and+Development%2C+4th+Edition-p-9780787957414 S.37-81

[4] https://uberlaufer.wordpress.com/2020/04/21/zuruck-zwischen-den-fronten/

[5] https://www.zeit.de/2017/22/soziale-herkunft-eltern-bildung-studium?utm_referrer=https%3A%2F%2Fuberlaufer.wordpress.com%2F

[6] https://academic.oup.com/sf/article-abstract/64/4/1079/2231682

[7] https://www.springer.com/de/book/9783662435755 Kapitel 14

[8] https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-21742-6_28

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Tag um 17.00 wagt sich die Überläuferin wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

4 Kommentare zu „Barrieren der Bildung

  1. Die Antwort lautet: Zurück in die 70er, Intelligenztest am Ende der 4.
    Klasse mit Kommunikation des Ergebnisses, plus Überreichung des Schulzeugnisses, an die darauffolgende Schule. So würde das funktionieren – aber das ist allen Politiker*&€innen zu hardcore🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Die Frage ist, was so ein Intelligenztest genau misst. Ich wäre eher für Gesamtschulen und alle anderen Schulformen weren geschlossen. Dann wird nach einem Modulplan wie in der Uni Kurse nach Interesse der Schüler gewählt. Um Beispielsweise einen Hauptschulabschluss zu bekommen, wird dann mindestens Mathe und Deutsch auf Level 12 gebraucht und Englisch 6, sowie 4 weitere auf 12.

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