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Ohne Pflaster keine Narben

Bevor sie heute in die Heimat gefahren ist, haben wir uns noch einmal ausgesprochen. Weil sie meine Tagebücher liest [1], hat sie offenbar die Angst, dass ich die Freundschaft beende. Ja, vermutlich sind meine Tagebucheinträge negativ gefärbt. Betrachten wir nur das Jetzt, dann stimmt es. Sie verkörpert direkt und indirekt viele meiner Probleme.

Ich mache mir große Sorgen um sie, weil ich sie nicht verlieren will und ich all ihre psychischen Narben verstehen kann. Ich trage auch viele kranke Anteile in mir. Aber genau deshalb fühle ich mich mit ihr so verbunden. Genau deshalb fühle ich ihren Schmerz als ob es mein eigener wäre. Ich kann mich davor nicht verschließen. Ich bin bereit alles für diese ungewöhnliche Freundschaft zu tun, sofern ich noch die Kraft habe. Allerdings ist es eben schwierig zu sagen, wie lange ich diese Kraft noch habe, weil sie mir eben auch so viel Kraft zurückgibt, aber gleichzeitig auch so viel Kraft kostet [2]. Dazu kommt eben noch mein Bedürfnis nach psychischer und körperlicher Nähe, wobei sie im Moment nur Ersteres bieten kann und ich weiß, wenn ich dem zweiten Bedürfnis nachgehe, dann muss ich auf Distanz gehen, obwohl ich mich eigentlich nur nach Nähe sehne [3]. Doch mit diesem Konflikt muss ich allein klar kommen.

Stellen wir uns nur für einen Moment mein Leben vor, wo ich mich von ihr, wie auch immer, getrennt hätte. Nehmen wir ruhig an, dass ich es schaffen würde ihr Leid auszublenden, wovon ich aktuell nicht ausgehe, dass es mir gelänge, dann hätte ich andere Probleme. Ich wäre wieder allein und würde mich unverstanden fühlen. Es ist die Hölle für mich, wenn ich das Wochenende nichts zu tun habe und dann am Freitag darauf warte wieder arbeiten zu dürfen, nur um mich dann auf das nächste Wochenende zu freuen. Tatsächlich könnte ich mir neue Aktivitäten suchen. Das tu ich auch, aber trotzdem tut es gut, zu wissen, dass zu Hause jemand da ist, der auf einen wartet. Liebend gern würde ich noch mehr Zeit mit ihr verbringen, aber ich weiß, dass dies für uns beide nicht gut wäre. Dies würde nur unsere Abhängigkeit vergrößern und ich könnte dann für einen Moment nicht vergessen, wie kompliziert diese Beziehung ist. Sie verletzt den Menschen, den ich hier in der Großstadt am meisten liebe und ich würde die Freundschaft sofort beenden, wenn sie eben nicht dieser Mensch wäre. Ohne sie würde ich mehr vor dem Rechner sitzen und ich weiß, dass es mir nicht gut tut so viel auf Zwitscher zu sein und mir diese Schmuddelfilme anzusehen [4]. Von außen betrachtet mag es erscheinen, dass sie einfach nur ein Teil von mir ist, den ich abschneiden müsste, damit mir es endlich gut geht. Aber meine Narben gehen tiefer. Sie ist nur die Person, welche all diese Narben vereint. Aber sie ist nicht der Auslöser. Sie ist mein Weg damit umzugehen. Sich von ihr zu trennen, ließe sich am besten mit einer Allegorie beschreiben: Nimm deine Pflaster ab, immer wenn du dich mit Pflastern beklebst, dann hast du Wunden. Wenn du keine Pflaster mehr nutzt, dann verletzt du dich auch nicht mehr.

Daher werde ich alles tun, um diese Freundschaft aufrecht zu erhalten.

Weitere Informationen

[1] https://uberlaufer.wordpress.com/2022/08/20/wie-ein-offenes-buch/

[2] https://uberlaufer.wordpress.com/2022/09/29/hafen-und-tobende-see/

[3] https://uberlaufer.wordpress.com/2022/09/24/zwei-lose/  

[4] https://uberlaufer.wordpress.com/2021/01/22/schlafen-warten-porno-schlafen/

[5] https://uberlaufer.wordpress.com/2022/09/15/alte-narben-2/

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Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Tag um 17.00 wagt sich das Überläuferli wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

2 Kommentare zu „Ohne Pflaster keine Narben

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