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Ins Netz (LXXXIX)

„Iris fängt es schon wieder an?“, fragt Hans.

„Das vor eineinhalb Jahren hatte ich eben diese Träume. Aber ich kann dir doch sagen, was ich sehe.“, antwortet Iris trotzig.

„Davon, dass wir Johannas Dinge behalten, wird sie auch nicht wieder kommen.“

„Aber du konntest nicht einfach ihre Bücher wegschmeißen. Sicherlich hatte ich da sehr emotional reagiert. Meinst du, dass es schön ist für eine Mutter ihre Tochter so zu verlieren?“

„Meinst du, dass es leicht war, zwei Berufe gleichzeitig zu haben? Nach dem meine Kollegen am Freitagnachmittag ihren Blaumann ausgezogen haben, habe ich meine Bäckerschürze umgebunden.“

„Ja, Hans, du hattest ein schweres Leben.“

„Jetzt fang doch nicht so an. Du hast schließlich auch noch einen Sohn. Den solltest du auch nicht vergessen.“

„Vaddern, ich bin auch noch da.“, wirft Björn ein.

„Iris, jetzt lass uns nicht streiten.“

Iris schneidet den Käsekuchen an. „Ja, Muddern hat wieder etwas mit Mehl in der Küche gespielt.“, wiederholt Iris. Sie klatscht ein Stück Käsekuchen auf den Teller von Hans. „Was Gebäck angeht, sind wir ja sehr verwöhnt.“, ergänzt sie. „Björn, möchtest du auch ein Stück?“

„Gern.“

Schweigen.

„Warum habt ihr mich eigentlich Björn genannt?“, möchte Kramer wissen.

„Wieso?“, fragt Iris.

„Wie das klingt. Das ist einfach nur ein fürchterlicher Name, den sich keine Eltern dieser Welt für ihr Kind ausdenken könnten.“

„Ich habe dir doch gleich gesagt, dass er den Namen nicht mögen wird.“, behauptet Hans.

„Was magst du denn nicht an dem Klang?“, fragt Iris.

„Ich habe mal nachgelesen, dass er aus dem altdeutschen für braun kommen soll.“

„Und?“

„Zudem klingt es wie so ein Laut, den man von sich gibt, wenn man zu viel Kohlensäure getrunken hat.“, antwortet Björn.

„Den Namen hast du von meinem Vater, der damals seinen Arm nicht gehoben hat.“, sagt Iris.

„Und was ist dann passiert?“

„Er kam ins KZ.“

„Wurde Opa vergast?“

„Nein, da er selbst Bulle vor der Machtergreifung war, verschonten ihn zunächst seine ehemaligen Kollegen. In den letzten Tagen des Krieges kam er bei den Todesmärschen um. Die Häftlinge wurden auf Schiffe verfrachtet. Die Alliierten hielten es für Truppenbewegungen und griffen das Schiff an. Deinem Opa war es gelungen zurück zum Land zu schwimmen, wo er dann von deutschen Soldaten erschossen wurde.“

Björn schluckt. Seinen Namen hatten seine Eltern also nicht ausgedacht.

„Warum hatte Opa denn Widerstand geleistet?“, fragt Björn nach.

„Meine Mutter mochte nicht gern über ihn reden. Sie nahm es ihm sehr übel, dass er sich für die Politik entschieden hatte statt für die Familie.“

„Ich verstehe nicht.“

„Dein Opa war ein Sozialdemokrat. Er kämpfte dagegen an, dass die Gewerkschaften zerschlagen wurden und die DPS verboten wurde.“

„Warum hast du mir nie davon erzählt?“

„Opa war eben einer der vielen Namenlosen, die verhaftet oder ermordet wurden. Als deine Schwester verschwand, musste ich wieder viel an meinen Vater denken. Auch nach dem Krieg war es nicht leicht ohne Vater aufzuwachsen. Deine Oma traute dem neuen deutschen Staat nicht und hatte die Entschädigungsgelder nie angerührt, die sie bekommen hatte für die Verbrechen der Nazis. Sie hatte immer Angst, dass eines Tages sie aufgefordert würde diese Gelder zurückzuzahlen.“

„Krass.“

„Ja, Björn. Das Leben kommt einem manchmal wie ein schlechter Krimi vor. Den eigenen Vater nicht gekannt und die eigene Tochter viel zu früh verloren.“

Schweigen.

„Und wenn das eigene Leben schon ein schlechter Krimi ist, dann kann doch auch mal eine Wendung kommen, die man nicht erwartet, oder? Dann können wir doch noch auf einen Deus-ex-machina-Moment hoffen?“

„Einen Klippenhänger?“

„Nein, eine dramatische Wendung, die plötzlich und unmotiviert geschieht, als ob außenstehende Mächte den Konflikt lösen.“

„Wie bei den Steigerfilmen?“

„Nein, da stolpert der Protagonist meist unmotiviert über die Leinwand und er versucht immer wieder durch seine tollpatschige Art Sympathien zu erwecken. Dabei spielt er immer sich selbst.“

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Tag um 17.00 wagt sich das Überläuferli wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

2 Kommentare zu „Ins Netz (LXXXIX)

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