Mit der Ukulele auf großer Fahrt (II)

Überläufer: Was motiviert einen so viel weit von zu Hause zu arbeiten unter diesen Bedingungen?

Dieter: Mein Mantra war immer: Um diesen Job machen zu können, musst Du zwei Aussagen für Dich unterschreiben können. Erstens: Autofahren als solches ist keine Arbeit. Und zweitens: Freizeit ist auch dann Freizeit, wenn sie nicht zuhause stattfindet. Dann geht’s. 😉 Aber der Job hat halt auch Vorteile: man hat seine Ruhe. Ich hab ein paarmal am Tag mit der Disposition telefoniert, das war’s, man kann sich die Arbeit zum Teil selber einteilen. Müde? Dann fahr ich halt rechts ran und penne ne halbe Stunde, mach das mal in einem Bürojob! und jede Menge Zeit für Musik, Hörbücher und Podcasts.

​Überläufer: Klingt tatsächlich außerordentlich positiv. Doch mein Bild ist eher geprägt von Spediteuren, die sich nicht an die Vorschriften halten und die Fahrer sehr geknechtet werden. Inwiefern hast du solche Praktiken mitbekommen?

Dieter:​​​​​​ Selber praktisch gar nicht. Klar wurde es manchmal terminlich eng, aber zum Überschreiten der Vorschriften genötigt wurde ich nie. Solche „schwarzen Schafe“ gibt es sicher, auch wenn das mit der Einführung des Digitalen Kontrollgeräts, früher Fahrtenschreiber genannt, sehr abgenommen hat, weil man halt nicht mehr so leicht Fahrtenscheiben „verschwinden“ lassen kann. Aber ein Arbeitgeber, der sowas von mir verlangt, käme für mich eh nicht in Frage. Dienst nach Vorschrift ist wirklich genug.

Überläufer: So wie du das beschreibst, klingt der Beruf des Fernfahrers nicht so prekär, wie ich es mir vorgestellt habe, obwohl mich es sehr belasten würde, wenn ich meine Freunde vernachlässigen müsste. Inwieweit hätte sich deine Motivation Fernfahrer zu sein geändert, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gegeben hätte?

Dieter: Das ist eine spannende Frage. Grundsätzlich wären Teilzeitmodelle meines Erachtens geeignet, den Job attraktiver zu machen. Das Problem ist dabei, dass der „eigene“ LKW in der Branche immer noch als Qualitätsmerkmal des Arbeitgebers gilt. Wenn man darin wohnt, ist das ja auch verständlich. Die Kehrseite ist aber, dass ein stehender LKW Geld kostet, statt es zu verdienen. Das motiviert die Spediteure, alles an Fahrzeit aus den Fahrern zu holen, was die Vorschriften zulassen.

Wenn man da einen Weg fände, wie sich z.B. zwei Fahrer für je eine Dreitagewoche oder im wochenweisen Wechsel einen LKW teilen könnten, ohne dass es dabei Streit wegen Sauberkeit, Ordnung oder Ausstattung gibt – und den gibt es oft –, könnte das sicher für mehr Attraktivität des Berufs sorgen. Ein bedingungsloses Grundeinkommenwürde zusätzlich die wirtschaftlichen Einbußen so eines Teilzeitmodells abfedern. Das wäre schon ein Traum.

Überläufer: Was würdest du denn mit deiner gewonnenen Freizeit anfangen, wenn du nur noch Teilzeit arbeiten würdest?

Dieter: Alles, was sonst zu kurz kommt: Familie, Freunde, Hobbies. Ich könnte mir aber auch ehrenamtliches Engagement z.B. bei der Feuerwehr oder dem THW vorstellen – da werden ja auch Fahrer gebraucht (grinst).

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Tag um 17.00 wagt sich das Überläuferli wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

Ein Kommentar zu “Mit der Ukulele auf großer Fahrt (II)

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