Mit der Ukulele auf großer Fahrt (I)

Überläufer: Willkommen auf dem Nussbaumparket der Dekadenz. Willkommen beim Überläufer. Heute habe ich @schlabonski zu Gast. Er hat als Fernfahrer gearbeitet. Warum hast du dich entschieden Fernfahrer zu werden?

Dieter: Das war mehr oder weniger Zufall. Ich hatte nach längerer Arbeitslosigkeit von der Arbeitsagentur eine Fortbildung mit Kran-, Stapler-, Baumaschinen-, Kettensägen- und eben auch LKW-Führerschein angeboten bekommen und dachte: cool, nimmste mal mit. Teil der Maßnahme war ein Praktikum, das ich bei einer Spedition machte. Und die haben mich direkt eingestellt.

​Überläufer: ​​​​​​Wie kann ich mir den beruflichen Alltag eines Fernfahrers vorstellen?

Dieter: Das ist tatsächlich Leben nur im LKW: 11 Stunden (mindestens) Nachtruhe, die restliche Zeit von Ladestelle zu Ladestelle eilen und dort beim Be- und Entladen zumindest verantwortlich mitarbeiten. Freizeit findet auf dem Autohof oder Ähnliches statt; vom LKW weg kommste nur am Wochenende.

​Überläufer: Auf den Autobahnen fallen mir immer wieder LKWs auf, die statt 60 oder 80 eher konsequent 90 fahren. Inwiefern kommt der Druck schneller zu fahren von den Spediteuren?

Dieter: ​​​​​​Das kann man vermutlich nicht verallgemeinern, aber zumindest meine Arbeitgeber haben mit einer Ausnahme die Touren nie so geplant, dass es auf die letzten km/h angekommen wäre. Ich denke eher, dass viele der Kollegen sich da einfach keinen Kopp machen und schlicht aus Gewohnheit am Limiter fahren. Ich selber fahre im Fernverkehr meist 84: schnell genug, um die Kollegen nicht allzu sehr zu nerven, aber langsam genug, um deutlich Überholreserve zu haben, wenn einer noch langsamer ist (grinst).

​Überläufer: Was ist die größte Herausforderung in dem Beruf des Fernfahrers?

Dieter: ​​​​​​Sicherheit. Sowohl beim Fahren – konzentriert und aufmerksam bleiben ist bei bis zu 10 Stunden Lenkzeit täglich nicht immer so einfach – als auch und vor allem bei der Ladungssicherung.

​Überläufer: Du sagtest, dass Freizeit nur auf dem Autohof stattfindet. Wie kann ich mir das vorstellen?​​​​​​

Dieter: Das handhabt jeder anders. Viele haben Fernseher an Bord, oft gibt es Spielotheken an Autohöfen – und ich halte Spielsucht auch neben Nikotin- und Alkoholsucht für bedeutende Probleme im Kollegenkreis –, mancher wird wohl auch die ebenfalls auffallend häufigen Rotlicht-Etablissements frequentieren oder eine Runde joggen gehen. Ich war mit meinem Laptop und meiner Ukulele zufrieden (grinst).

Überläufer: So ein Ukulelespiel ist bestimmt mal etwas ganz anderes und halte das tatsächlich für sehr ungewöhnlich, auch wenn ich das nicht verallgemeinern kann aufgrund meines fehlenden Kontakts zu Fernfahrern. Ich stelle mir es allerdings sehr schwierig vor, wenn man so viel Zeit in der Kabine verbringt dort noch Zeit und Raum für Freunde zu finden. Inwiefern ist dieses Problem tatsächlich real?

Dieter: Das war letztlich der Grund, dass ich nach etwa 15 Jahren mit dem Fernverkehr aufgehört habe: alle Aspekte des Privatlebens gehen an Zeitmangel zugrunde. Ich kenne zwar auch Kollegen, die seit Jahrzehnten glücklich verheiratet sind, aber für mich zumindest war der Zeitmangel (und die Erschöpfung auch am Wochenende) echt ein Problem. Das war anfangs ganz lustig und dann lange noch okay, aber irgendwann war dann auch mal gut.

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Tag um 17.00 wagt sich das Überläuferli wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

Ein Kommentar zu “Mit der Ukulele auf großer Fahrt (I)

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