#Corona und die Ungerechtigkeit der Hausaufgaben

Wir befinden uns schon seit Wochen im Ausnahmemodus. Die Schulen sind zu und die Schüler müssen die Aufgaben zu Hause bearbeiten. Unsere aktuelle Situation ist juristisch höchst umstritten. Hausaufgaben dürfen nur zu Themen gegeben werden, die im Unterricht behandelt worden. Sie dürfen auch nicht direkt benotet werden, weil man nicht weiß, wer sie durchgeführt hat.

Ich hatte gestern eine Konferenz mit meinen Mitreferendaren. Sie argumentierten, dass auch das selbstständige Arbeiten eine zu lernende Kompetenz sei. Demzufolge können die Ergebnisse auch bewertet werden. Aber gerade, weil diese Situation nicht im Unterricht stattfindet, kann ich nicht wissen, wie groß die Eigenleistung der Schüler war. Wenn ich als Schülerin meinen Eltern oder meinem Geschwisterchen meine Hausaufgabe gebe und sie die für mich erledigen, hat der Lehrer beim bloßen Betrachten der Ergebnisse keine Chance zu erkennen, was der Schüler geleistet hat.

Neben den juristischen Unsicherheiten haben wir noch das organisatorische Chaos. Seit Jahrzehnten wurde die Digitalisierung in Deutschland nicht ernstgenommen, sodass die verschiedenen Lehrer die Aufgaben den Schülern auf ganz unterschiedliche Wege zu kommen lassen. Einige Kollegen nutzen Ebriefe, andere schalten Konferenzen und andere nutzen soziale Medien, um mit den Schülern in Kontakt zu kommen. Es ist daher besonders schwer für die Schüler den Überblick zu behalten. Als ob die Verwirrung noch nicht klein genug wäre, müssen jetzt die Eltern die Lehrer ersetzen, obwohl sie auch arbeiten müssen.

Auch bei mir an der Schule gab es Beschwerden, dass die Schüler zu sehr mit den Aufgaben beladen worden sind und nicht wissen, was richtig ist. Es mehren sich sogar die Stimmen, dass die Lehrer eine Musterlösung mitschicken sollten. Die Idee mit dem Reinreichen einer Lösung finde ich gut, wobei es schwierig wird, wenn es mehrere Lösungen gibt, oder wenn die zu erwartenden Ergebnisse offener sind.

Wenn die Aufgabenstellungen zu geschlossen sind, dann können gerade die Schüler das Netz nutzen und einfach sich dort die Lösung heraussuchen. Bei den Aufgaben, die ich meinen Schülern gegeben habe, habe ich stets darauf geachtet, dass sie mit dem Schulbuche lösbar sind, aber, dass es nicht reicht die Texte aus dem Buch abzuschreiben. Ich könnte den Schülern jetzt einen Kriterienkatalog geben, woran sie erkennen sollten, ob ihr Lernprodukt ein gelungenes ist, aber womöglich vollbringen sie auch etwas Gutes, was ich gar nicht erwartet hatte.

Gerade meine Unerfahrenheit und mein Gerechtigkeitssinn lähmen mich. Im Moment versuche ich daran zu glauben, dass es schon eine Lösung gibt. Ich vertraue dem System, obwohl ich eben außerhalb von Corona es wegen seiner Ungerechtigkeiten ablehne. Allein, dass der Einfluss des Elternhauses beträgt 14 % [1] und liegt damit vollkommen außerhalb des Wirkungsbereiches von Schule, Schüler und Lehrer. Damit hat das Elternhaus fast so einen großen Effekt wie die Faktoren innerhalb des Schülers (17%). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nichtakademikerkind das Abitur macht, ist liegt mit 44 % deutlich unter dem von Akademikerkindern, welche die Hochschulreife mit 78 % erreichen [2]. Und selbst an der Universität angekommen, brechen gerade Kinder aus der Unterschicht das Studium häufiger ab. Wenn das alles nur eine Frage der Intelligenz wäre, denn müsste unser glorreiches Bildungssystem diese ja bereits aussortiert haben durch die Hindernisse der Übergänge von Kindergarten in Grundschule, von Grundschule in die Sekundarstufe und von Sekundarstufe in die Oberstufe aussortiert.

Wenn die Leistung der Schüler durch Corona auf den außerschulischen Bereich verschoben und dann noch bewertet werden, dann werden gerade die Unterschicht den Preis dafür zahlen. Aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit und der Chancengleichheit sollten die Hausaufgaben tatsächlich nicht bewertet werden. Offen bleibt, wie die Lehrer mit den Schülerergebnissen umgehen können.

Die Ganze Gerechtigkeitsdebatte ist eben keine Neiddebatte, weil ein Leben in Armut nicht nur ein schlechteres Leben bedeutet, sondern auch ein kürzeres [3]. Männer in Armut sterben 11 Jahre früher. Frauen in Armut sterben acht Jahre früher. Wer hier mit Leistung argumentiert, der sollte sein biologistisches Weltbild hinterfragen. Wenn Armut vererbt wird, dann hat das nichts mehr mit Leistung zu tun.

Weitere Informationen:

[1] https://www.paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=2581 , S. 87.

[2] https://www.zeit.de/2017/22/soziale-herkunft-eltern-bildung-studium

[3] https://www.welt.de/wirtschaft/article159974495/Armut-kostet-den-Menschen-elf-Jahre-Lebenszeit.html

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Morgen um 9.00 wagt sich die Überläuferin wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

29 Kommentare zu „#Corona und die Ungerechtigkeit der Hausaufgaben

  1. Eben diese völlig unterschiedlichen Voraussetzungen machen es besonders schwer, wenn es um diverse Hürden, wie die des Übertrittes in die folgende Jahrgangsstufe geht, eine Aufrechterhaltung jener zu rechtfertigen. Jeder Schüler hat auch einen eigenen Lerntyp. Die einen lernen besser in Ruhe, Zuhause am Schreibtisch, die Anderen benötigen einen unumgehbaren Stundenplan wegen mangelnder Selbstdisziplin oder anderen Gründen. Und wieder Andere lernen am besten durch den Diskurs im Unterricht. Eine Benotung während und (direkt) nach dieser Phase wäre eine ungerechte Bevorzugung einzelner Schüler, die besonders bei Abschlussjahrgängen äußerst ungerechte Folgen haben kann.

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      1. Da eine Benotung und Aufrechterhaltung der Abschlüsse eben sehr unfair zahlreichen Lerntypen und Minderheiten gegenüber wäre, scheint die einzige Lösung zu sein, das die Kriterien für das Bestehen eines Abschlusses ausgesetzt werden, somit jeder den Abschluss bestanden hat. Mit der Note / dem Schnitt, die / den er oder sie eben erzielt hat. Wenn zum Beispiel ein Schüler ein Jahr freiwillig oder unfreiwillig wiederholt hat, wäre eine weitere Wiederholung nicht möglich, wenn die erste beispielsweise in den Abschlussjahren des Gymnasiums wäre. Egal, ob ein Schüler einmal wiederholt hat oder wiederholen musste – er muss auch in diesem Jahr faire und gerechte Bedingungen haben und nicht zum Beispiel wiederholern aus vorherigen Jahrgängen gegenüber benachteiligt sein.
        Natürlich sollten so auch NCs (Nummerus Clausus) für Schüler aus diesen Jahrgängen nicht gelten.
        Zwar haben wir so wahrscheinlich mehr Studienabbrecher, aber keine ungerechte Behandlung von Minderheiten. Und da jene, bei einer sehr grpßen Überforderung eben die angesteuerte Ausbildung abbrechen, ist kein großer Schaden im Sinne von unbegabten Ausgebildeten zu erwarten. Lediglich ein verschmerzbarer Zeitschaden für Abbrecher.

        So wäre es auch von Vorteil, wenn der Stoff kurz vor und nach der Schulschließung in den daraufvolgenden Stunden unbenotet und nach Möglichkeit ohne erhötem Notendruck wiederholt werden würde, Lerntypen, die mit der Situation nicht gut umgehen können, somit eine Art Rettungsring zugeworfen wird.

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      2. Und willst du dann unabhnig vom NC die beliebten Studienfächer wie Medizin z.B. verteilen? Es wäre schön, wenn jeder das studieren könnte, was er will. Allerdings sind die Plätze ein limitierendes Problem.

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  2. An Universitäten werden sowieso in der Regel sämltiche Inhalte online abrufbar gemacht. Auch ein Live-Stream wäre möglich. Die Schüler, denen der aktive Diskurs mit Zwischenfragen oder die stikte Einhaltung eines Stundenplanes nicht wichtig ist, etc. könnten gebeten werden, auf jene Methoden auszuweichen. Da überforderte und ungeeignete Studenten / Azubis dann sowieso durch den Anforderungsgrad des Niveaus aussortiert werden ist diese Zusatzbelastung sowieso nur eine gewisse Zeit lang. Es gibt sowieso otf weniger Plätze in dem Hörsaal als benötigt, somit können eh bereits nicht alle Studenten dort sitzen. Und ob jetzt mehr oder weniger Studenten den Livestream verfolgen spielt keine Rolle. Und die Mehrbelastung bei den Korrekturen von Tests ist somit auch nur zeitlich begrenzt vorhanden.

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      1. Das allerdings, dennoch besteht die Frage, ob die Belastung wirklich so groß wäre. Der unbeschränkte Übertritt wäre voraussichtlich nur in einem Jahr, und die Anzahl an Schülern, die zum Beispiel das Abitur nicht bestehen ist im Vergleich zu denen die bestehen gering. Da sowieso bereits manche Vorstellungen haben, in welche Richtung es weiter gehen soll und ob sie ein Studium / Ausbildung / Lehre / etc. beginnen wollen, wird diese wohl in den meisten Fällen auch weiterhin verfolgt. Wenn jemand gemerkt hat, das er kein guter Lerner ist und lieber eine Lehre macht, werden wohl nicht allzuviele nun doch plötzlich auf die Universität gehen wollen. Natürlich besteht noch die Möglichkeit emeritiere Lehrkräfte zu motivieren, wieder das ein oder andere Seminar zu leiten.

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  3. Ja, das stimmt wohl. Es ist das Beste ersteinmal abzuwarten. Ein verfrühter Rückgang mit Öffnung der Schulen wäre deswegen das Falsche.
    Klar, equipment wird dann leider knapp, aber bietet so auch die Chance dank staatlichen Subventionen mit neuen Geräten aufzurüsten und nach dem verstärkten Anlauf alte Geräte auszumustern.

    Die Frage wie lange das wohl noch dauern wird habe ich auch einmal thematisiert

    https://perspektive.site/2020/03/13/coronavirus-was-uns-erwartet/

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    1. Mh, sieht nicht sonderlich aktuell mehr aus. Mich macht das ganze System nur noch traurig. Die Coronakrise macht noch einmal mehr deutlich, wie unmenschlich barbaarisch doch unser System ist.

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      1. Ja, ist eine wissenschaftlich-futurologische Hochrechnung, also etwas älter aber das Endergebnis ist somit aktuell / noch in der Zukunft

        „Die Coronakrise macht noch einmal mehr deutlich, wie unmenschlich barbaarisch doch unser System ist.“ Das tut sie. Gerade in China lässt sie viele Masken fallen

        https://www.nzz.ch/meinung/eingemauert-unter-xi-chinas-tief-verunsicherte-gesellschaft-ld.1549885?utm_source=pocket-newtab

        Aber auch hier zeigt sie viele Fehler, Schwächen und Heucheleien auf. Und gibt Politikern wie Laschet die Möglichkeit eines politisches Sprungbrettes, indem er auf Einheitlichkeit der Regulierungen plädiert, wo die Umstände und Fallzahlen in den einzelnen Bundesländern ganz unterschiedlich sind und es somit auch verschiedene, dem lokalen Bedarf angepasste Regulierungen braucht.

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  4. Hoffen wir, das sich zumindest hier in Bayern der Söder durchsetzen kann, da ja auch der Kultusminister die Regulierungen lockern will. Angeblich, weil viele Eltern mit der Erziehung der eigenen Kinder überfordert seien. Einziges Problem bei der Argumentation: Die Sommerferien sind ungefähr genauso lang und auch kein Problem… nur weil man das Land nicht verlassen darf und keine Freibäder, etc. offen haben heißt das nicht, das die Kinder weniger belasten.

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    1. Ja, aber die Sommerferien kommen ja noch dazu. Zudem ist nicht ersichtlich, wie lange dieCoronakrise dauert. Ich fände es jetzt am sinnvollsten die Lehrkräfte zu schulen, wie sie am besten jetzt im Neuland unterricten können. Der UNterricht wird damit individueller. Das ist eine Chance, aber auch eben eine Belastung für die Lehrkraft.

      Allerdings kommt für mich noch persönlich der Malus hinzu, dass ich zu Depressionen neige und jetzt eben ohne regelmäßige Arbeitszeiten, Isolation und reduziertem Konsumangebot eine äußert reduzierte Motivation habe.

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      1. Das kenne ich nur zu gut, das bin ich auch.

        Was den Unterricht angeht können wir uns wohl am Besten das australische System zum Vorbild nehmen. Dort ist Schule per Videokonferenz nichts außergewöhnliches, habe ich vor Jahren mal gelesen. Weil die einzelnen Häuser und winzigen Siedlungen / Farmen im Outback sehr weit auseinander liegen.

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      2. Ja, das stimmt wohl. Wir ja teilweise gemacht, geht dann aber mehr in die Richtung Vorlesung wie an der Uni. Manche, z.B. Mathelehrer legen dann ein Blatt unter die Kamera, auf dem sie dann Hefteinträge aufschreiben, oder mit den Schülern aufgaben rechnen. Wieder andere, wie Englisch, wo man mehr übt, weil der Stoff ja eigentlich durch ist, schicken via Mail dafür mehr Übungsaufgaben /Aufsatzthemen zum machen, die man dann freiwillig gelöst zurücksenden kann. Wie gut das aber mit 30 Leuten in der Videokonferenz dann auch klappt kann ich nicht beurteilen

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