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Demokratie zwischen Allgemeinwohl und Kapitalismus

Unsere kapitalistische Demokratie steht in ständigen Widerspruch mit sich selbst. Während Kapitalisten primär zur eigenen Profitmaximierung wirtschaften, fühlt sich ein Demokrat dem Allgemeinwohl verpflichtet. Doch die beiden Kräfte sind in unserem System nicht gleichstark. Wenn wir die Entwicklung über die letzten Jahre betrachten, dann sehen das sich die Vermögen immer weiter konzentrieren.

Weltweit greift das reichste Prozent 82% des Vermögenswachstums ab[1]. Wissenschaftlich wird die Vermögensverteilung mit dem Gini-Koeffizienten beschrieben. Er kann zwischen 0 und 1 liegen und beschreibt die Verteilung von Vermögen. Je größer der Gini-Koeffizient, desto mehr ist das Vermögen verteilt. Bei einem Koeffizient von 1 besitzt eine Person das gesamte Vermögen und bei 0 haben alle Menschen gleichviel. Während die Vermögensverteilung 1973 von 0,75 auf 0,62 im Jahr 1993 gesunken ist, stieg sie auf 0,77 im Jahr 2002 und ist seitdem etwa konstant auf knapp 0,8[2]. Der Gini-Koeffizient lag 2016 bei 0,789. Anders ausgedrückt besitzen 45 Deutsche genau so viel die arme Hälfte der Bevölkerung [3].

Oftmals werden wir beruhigt mit Meldungen, dass die Vermögen von uns steigen. Durchschnittlich besitzt jeder Deutsche nach Abzug der Schulden 232.800 € [4]. Falls du dich jetzt fragst, wo dein Geld ist, dann ist die Antwort ernüchternd: Es ist nur das arithmetische Mittel, also das Gesamtvermögen der Deutschen durch die Anzahl der Deutschen. Wie oben bereits erwähnt, ist besonders in den oberen Schichten das Vermögen stark konzentriert. Interessanter zur Beurteilung von Gerechtigkeit, ist es sinnvoller die deutsche Bevölkerung in die arme und reiche Hälfte zu teilen. Jemand, der also genau in der Mitte ist, besitzt 70800€ [4]. Wenn du allerdings das mittlere Vermögen besitzt, dann gehörst du schon zu den oberen 30%.

Dass eine solche außerordentlich ungleich verteilten Vermögenswerte ein Machtpotential bergen, lässt sich nicht abstreiten. Wer über ein größeres Vermögen verfügt, der kann in Interessenverbänden sich organisieren oder sich organisieren lassen und die Politik in seinem Interesse beeinflussen lassen, sodass die Entwicklung weiter so geht. So ist es auch nicht verwunderlich, wieso Maßnahmen nach Umverteilung wie höhere Erbschaftssteuer, höherer Spitzensteuersatz oder Vermögenssteuer in den Umfragen stets mehr Zuspruch findet als in der Politik.

Aus den letzten 25 Jahren haben Gilens und Page 1779 Änderungswünsche in den USA betrachtet und herausgefunden, dass Menschen aus der Mitte einen zu vernachlässigbaren Einfluss auf die Gestaltung von Politik haben [5].

Ganz gleich wie einig sich die Mittelschicht (blau) ist bezüglich ihres Änderungswunsches, die Wahrscheinlichkeit auf Änderung bleibt etwa konstant bei etwa 30%. Die Elite (gelb) erreicht einen ähnlichen Wert, wenn sie gespalten ist und nur 50% eine Änderung wünschen und die anderen 50% dagegen sind. Ist die Elite sich einig, dass etwas geändert werden soll, dann ist die Wahrscheinlichkeit etwa doppelt so hoch wie bei der Mittelschicht. Wenn die Elite allerdings mit 70 % gegen eine Änderung ist, dann erfolgt eine Änderung auch nur zu 20%. Sind mehr Mitglieder der Elite gegen eine Änderung, dann ist die Wahrscheinlichkeit auf Änderung sogar noch geringer. Ganz offensichtlich ist die tatsächliche Änderung stärker abhängig von den Reichen als von den Menschen aus der Mittelschicht. Unsere Wünsche scheinen bei den Entscheidungsprozess keine entscheidende Rolle zu spielen.

Das Spannungsfeld Kapitalismus und Demokratie ist unsymmetrisch, sodass die Interessen von Reichen bevorzugt durchgesetzt werden. Es gilt offensichtlich nicht, dass jede Stimme in unserer Demokratie das gleiche Gewicht hat.

Was ist also zu tun? Auch wenn das skizzierte Bild einen eher passiv erscheinen lässt, sollten wir erkennen, dass wir in einer relativ freien Gesellschaft leben im Vergleich zu unseren Vorfahren. Sie hatten sich viele Rechte erkämpft, sodass die Elite kleine Teile ihrer Privilegien abtreten musste. Wir müssen allerdings wachsam bleiben, dass die Errungenschaften in der Vergangenheit uns nicht wieder genommen werden und wir müssen bereit sein uns weiter zu vernetzen und dem heutigen Geldadel weitere Formen der Gerechtigkeit abpressen.

[1] https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/2018-01-22-82-prozent-weltweiten-vermoegenswachstums-geht-reichste-prozent

[2] https://www.nachdenkseiten.de/?p=22261

[3] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/vermoegen-45-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-deutsche-bevoelkerung-a-1189111.html

[4] https://www.welt.de/finanzen/article191951915/Bundesbank-Studie-Die-Vermoegen-offenbaren-Deutschlands-Probleme.html?utm_source=pocket-newtab

[5] https://scholar.princeton.edu/sites/default/files/mgilens/files/gilens_and_page_2014_-testing_theories_of_american_politics.doc.pdf

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Tag um 17.00 wagt sich das Überläuferli wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

25 Kommentare zu „Demokratie zwischen Allgemeinwohl und Kapitalismus

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