Zentrifuge des Seins

Es ist Sonntag. Und unsere Gesellschaft steckt mitten in der Coronakrise. Ich denke darüber nach wie mein Leben aussähe, wenn ich normaler wäre und was überhaupt normal ist. Das Nachdenken über das Normale finde ich sehr unnormal. Aufgrund der Coronaferien habe ich Zeit mir meine Gedanken zu machen. Ich muss morgen nicht zurück ins Hamsterrad. Das ist auch ganz gut, weil ich mich immer noch nicht ganz gesund fühle.

Corona werde ich vermutlich nicht haben, dazu müsste ich mehr husten. Auch Gliederschmerzen sind eher ungewöhnlich. Wenn ich normaler wäre, dann wäre ich nicht mehr ich. Und tief in meinem Herzen, wertschätze ich mich auch. Was mir zu schaffen macht, ist nur die Ablehnung, die ich spüre. Aber diesmal habe ich kein Ventil für meinen Schmerz. Ich kann hier weiter diese Zeile schreiben, aber es ist nicht das Gleiche, wenn sie keiner lesen wird.

Mein Streben nach Anerkennung und Bewunderung bleibt ungestillt, während ich merke, dass die Welt um mich nicht stimmt. Und ich denke immer wieder, dass es an mir liegt. Die anderen können doch glücklich sein. Ich kann es nicht. Es zerreißt mich, dass ich einerseits die Lehrerin sein möchte, die unterstützt und andererseits merke ich, dass ich mit meiner Einstellung eben nicht für dieses System stehen möchte. Ich möchte eine gerechtere Welt, aber dafür wird es notwendig sein die bisherigen Verhältnisse als Angst erzeugend anzugreifen und es wird auch nicht mit kleineren Wohltätigkeitspflastern zu lösen sein. Ich möchte keine Reförmchen, ich möchte radikale Änderung. Die Gesellschaft soll demokratischer sein. Es kotzt mich an, dass bei jeder Debatte am Ende das Geld steht.

Doch ich schweife ab.

Es ist die Dualität der Dialektik. Ich bin zum einen Fleisch und zum anderen bin ich Geist. Mein Fleisch möchte sich trennen und auch des Fleisches Freuden erlangen und mein Geist wird schwacher. Ich fühle mich wie in einer Zentrifuge, die meine beiden Persönlichkeiten durcheinanderwirbelt und voneinander trennt. Passend dazu habe ich ständig Schwindelgefühle. Ich war schon beim Arzt, habe mich untersuchen lassen, aber in meinem Kopf ist nichts zu finden und auch meine Blutwerte sind normal. Das Fleisch ist gesund und doch fühlt eben dieses Fleisch, dass der Geist erkrankt. Was ich mich frage, wie ich wieder gesunden kann und dabei ist mir das Paradoxe durchausbewusst, dass es schwierig ist in einem kranken System gesund zu werden.

Aber ich sollte mich konzentrieren.

Wenn ich schwindelig taumelnd mich kaum auf den Beinen halten kann, wie verrückt muss ich sein, wenn ich versuche nach den Sternen zu greifen? Ich sollte langsam wieder versuchen festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen. Schritt für Schritt. Doch was heißt das jetzt für mich? Es kann nur bedeuten, dass ich aufhöre das System zu kritisieren. Ich muss lernen, dass mir die Ungerechtigkeit egaler wird. Ich muss lernen an mich selbst zu denken. Erste Schritte habe ich dafür schon unternommen. Ich spiele wieder Improtheater und ich gehe wieder nach draußen, um mich mit fremden Menschen zum Brettspielen zu treffen. Ich muss kleiner denken.

Die Kraft, die ich daraus ziehen kann, kann ich nutzen, um dann meinen Geist mit guter Unterrichtsvorbereitung zu beschäftigen. Wenn all das geschafft ist, dann kann ich vielleicht im Sommer das Referendariat bestehen. Wenn ich dann eine Grundlage habe, dann kann ich weiter versuchen mich meinem Idealismus zu frönen. Doch bis dahin muss ich nach ihren Regeln auf dem Nussbaumparkett tanzen. Dazu muss ich mich drehen, drehen, drehen, auch wenn mir jetzt schon schwindelig ist. Die Schlittschuhe sehen zwar knorke aus, aber wenn ich sie weitertrage, dann falle ich wieder und wieder. Und die Kratzer auf dem Parkett werden wieder glattpoliert und ich bekomme Hausverbot und werde schlussendlich dazu verdonnert Arbeiten zu verrichten, die ich noch mehr ablehne als das bisherige.

Weder kann ich mir vorstellen eine körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten, noch kann ich mir vorstellen eine Arbeit als Reinigungskraft anzunehmen oder im Verkauf zu arbeiten. Es bleibt scheinbar nur die Rolle der Ballerina übrig. Jetzt heißt es aufhören zu träumen, dass ich gern eine Eiskunstläuferin wäre. Auch wenn das Parkett rutschig ist, gibt es kein Eis. Es hilft nichts sich zu überlegen, was ich alles gern anders hätte, was ich nicht verändern kann. Jetzt heißt es das Beste aus der Situation machen, in der ich hineingelaufen bin. Es ist an der Zeit sich bewusst zu werden, was ich ändern kann. Mein Einflussbereich erstreckt sich zurzeit nur auf meinen Unterricht in meinen Klassen, welcher geformt wird durch den Lehrplan. Auch wenn ich gern die Musikrichtung und den Takt ändern wollen würde, muss ich mir eingestehen, dass ich dazu nicht die Macht habe. Ich kann nur die Schlittschuhe ausziehen und weiter nach ihren Regeln tanzen. In meiner Freizeit sollte ich mich weniger mit dem Politischen belasten. Ich nehme meinen Platz in der Zentrifuge der Gesellschaft ein, trete meine Füße aus und versuche das zu spielen, was ich ablehne: Eine Überläuferin.

Veröffentlicht von Überläufer

Jeden Morgen um 9.00 wagt sich die Überläuferin wieder auf das Nussbaumparkett der Dekadenz. Wenn ihr tanzen wollt, zieht eure Schlittschuhe aus und genießt.

2 Kommentare zu „Zentrifuge des Seins

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